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Alt 17.03.2008, 15:27   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #1
baRbuZ männlich
Buchbinder/in
 
Registriert seit: 14.03.2008
Ort: Leipzig
Beiträge: 114
Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt

Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt

Hommage an Bulgakow's "Meister und Margarita"

Einmal, als es noch ein wenig kühl war, spazierte ein älterer, aber noch sehr rüstiger Mann durch die Stadt. Der Mann lächelte sanft, sein Gesicht sah dabei einem Backapfel nicht unähnlich. Doch die vielen Falten ergaben ein freundliches und wohlwollendes Bildnis eines Mannes, der keiner Fliege je etwas zu leide tat und Milchkaramellbonbons an kleine Kinder verschenkte. Wenn man in die Augen des alten Mannes schaute, sah man in ihnen einen Funken von Belustigung oder auch Schalk. Es lässt sich vermuten, dass der schelmisch dreinblickende Opa, deshalb so schelmisch dreinblickte, weil er so viel vom Leben gesehen hatte, dass ihn die Bedeutungslosigkeit der alltäglichen Rituale belustigte oder aber er kannte den Sinn des Lebens und...
obwohl das ist ja auch egal, es tut nichts zur Sache und verändert auch nicht den Lauf dieser Geschichte.
Der ältere Herr spazierte, zufrieden über seine kleinen Einkäufe, nämlich ein Krug mit dem Wasser einer Bergquelle, Marzipangebäck, Weißbrot und eine Beretta, durch die Stadt. Sie werden sich bestimm fragen, was will ein älterer Herr, der angeblich keiner Fliege je etwas zu leide tat und Milchkaramellbonbons an kleine Kinder verschenkte, mit einer Beretta? Was hat dieser Mann vor? Ich bitte sie um Geduld und möchte nebenbei erwähnen, dass das klare Bergwasser für den Samowar bestimmt war und das Marzipangebäck als Versüßung zum schwarzen Tee, den der alte Mann am liebsten ohne Zucker trank.
Unser Opa... Erlauben sie mir zum besseren Verständnis der Geschichte unseren älteren Herren so zu bezeichnen. Also, unser Opa stammte ursprünglich aus Kaukasien. Und war wie viele Kaukasier ein stolzer, aber keineswegs eitler Mann. Ein Mann der Ehre. Sein Wesen ähnelte einem Bergquell aus seiner Heimat, ruhig und gemütlich plätschernd, aber auch gefährlich und zornig den Berg hinabrauschend, alles niederreißend.
Der Opa schaute sich kurz um und stellte fest, dass er während seiner Grübelei den Stadtpark erreicht hatte. Er überlegte kurz und wollte weiter seiner Wege gehen, doch dann entschied er sich, sich auf einer Bank niederzulassen. Die Bank befand sich in der Nähe eines Teiches, auf dem die ersten Enten ihre Runden schwammen. Der ältere Herr verfütterte langsam das Weißbrot an die Enten und grübelte in Ruhe weiter.
Doch diese Ruhe wurde durch ein höfliches Räuspern gestört. Ein salopp gekleideter Mann erkundigte sich ob er sich neben dem alten Mann hinsetzten dürfte. Der ältere Herr nickte nur kurz und starrte den Neuankömmling erstaunt an. Dieser war sehr seltsam gekleidet. Ja wirklich seltsam! Obwohl wenn ich es mir recht überlege, vielleicht lag dieser seltsam gekleidete Herr sogar im Trend oder er war sogar der damaligen Mode um Jahrzehnte voraus. Es lässt sich auch vermuten... Aber ich schweife schon wieder ab. Ich bitte um Verzeihung!
Der Neuankömmling trug eine grün-weiß gestreifte Hose, einen orangenen Frack, dazu ein schwarzes Hemd mit einer gelben Fliege. Er war hager und vom großen Wuchs. Sein Gesicht wirkte eckig und wurde von einer Nase geschmückt, die wohl jeden römischen Imperator vor Neid erblassen ließe. Eine rundum imposante Erscheinung. Doch das merkwürdigste an diesem Mann waren seine Augen. Sie waren gelb wie Bernstein und wirkten fremd und gebieterisch, leuchteten jedoch von soviel Wärme, Mitgefühl und Trauer, dass dem älteren Herrn ein Tränenkloß im Hals stecken blieb und er seinen Blick traurig zu Boden senkte.
„Ich bin Herr Schmidt und das Kätzchen in meiner Hemdtasche heißt Belzebub“, sagte der Fremde, woraufhin ein schwarzes Kätzchen seinen Kopf aus der überdimensionalen Hemdtasche herausstreckte.
„Und Sie sind, sagen Sie bitte nichts, sie sind Herr Iaschwilli?“
„Woher...Wer...Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?“, stammelte erstaunt unser Opa.
„Ich bin Herr Schmidt“, wiederholte Herr Schmidt.
„Alles klar ein durchgeknallter Ausländer, dass erklärt einiges“, dachte der Alte.
„Und was machen Sie in unserer schönen Stadt? Etwa auf Durchreise oder beruflich?“, fragte der Alte um nicht unhöflich zu erscheinen.
„Ich bin ein Harlekin, ein Wanderphilosoph, ein Wahrsager. Heute bin ich hier, morgen dort. Doch der wahre Grund warum ich hier bin - sind Sie, Herr Iaschwilli“, antwortete Herr Schmidt. „Wegen mir?“, fragte unser Opa.
„Ja, wegen Ihnen. Ich möchte Sie vor einer Dummheit bewahren!“, erklärte Herr Schmidt.
„Was für eine Dummheit?“, fragte Herr Iaschwilli erschrocken.
„Stell dich nicht so dumm Alter“, ertönte eine Bassstimme aus der Hemdtasche des Herrn Schmidt.
„Belzebub, sei doch nicht so unhöflich, außerdem habe ich dir verboten zu reden!“ ,zischte Herr Schmidt.
„Ist doch wahr, der Alte soll sich nicht so blöde anstellen und endlich auspacken!“, erwiderte kapriziös das schwarze Kätzchen.
„Belzebub, ich warne dich“. Herr Schmidt zog erzürnt die linke Augenbraue hoch. Belzebub miaute verlegen zurück.
Unser Opa verfolgte mit weit aufgerissenen Augen das Gespräch zwischen Herrn Schmidt und Belzebub, ihm fehlten einfach die Worte. Kaum erholte er sich von der Tatsache ein sprechendes Kätzchen gehört zu haben, ertönte lautes Zischen, die Sicht wurde von Rauch vernebelt, woraufhin der alte Mann, Herr Schmidt und Belzebub’s Bassstimme die Stille mit lautem Husten und Würgen unterbrachen.
„Wie die billigen Specialeffects aus einem dieser modernen Filme“, dachte Herr Iaschwilli.
Der Rauch verschwand und der alte Mann erblickte eine junge Frau in einem weißen, hautengen Kleid zu seiner Linken. „Ich muss mich für meine Verspätung entschuldigen“, raunte die junge Frau. „Typisch Frauen, immer zu spät“, ertönte daraufhin eine bekannte Bassstimme.
„Belzebub, ich warne dich zum letzten Mal“, drohte Herr Schmidt und begrüßte die junge Dame mit einem Handkuss.
„Ich bin hier um Sie, Herr Iaschwilli, vor einer Dummheit zu schützen“, die junge Frau im weißen Kleid lächelte.
„Bitte bewahren Sie einen kühlen Kopf und bringen Sie die Waffe zurück zum Händler, noch haben Sie das Rückgaberecht“, fügte Herr Schmidt hinzu.
„Aber woher...“, stammelte Herr Iaschwilli nicht minder erstaunt als erschrocken.
„Wir wissen alles du alter Sack“, entgegnete die Bassstimme.
„Beelzebub, das reicht!“, donnerte Herr Schmidt und verwandelte das Kätzchen in einen Raben , der sich sodann auf seiner Schulter niederließ.
„Belzebub hat es zwar unhöflich formuliert, aber wir wissen wirklich... fast... alles“, antwortete Herr Schmidt und strich über Beelzebubs schwarzes Gefieder.
„Aber sie betrügt mich doch mit einem Jüngeren, womit habe ich das verdient, was habe ich verbrochen“, versuchte sich Herr Iaschwilli zu verteidigen.
„Gottes Wege sind unergründlich“, rezitierte die junge Dame.
Der Rabe krächzte abfällig: „Bla, bla“.
Dem älteren Herren schnellte ein Geistesblitz durch den Kopf, er saß tatsächlich mit dem Teufel und einem Engel auf einer Bank. Doch eines passte nicht in das Schema, der Teufel – das Böse ? - wollte ihm auch helfen. Herr Schmidt, der vom Herrn Iaschwilli als der Teufel erkannt wurde, konnte mühelos die Gedanken unseres Opas lesen. „Ich bin halt ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Die Beretta müssen Sie zurückgeben, nur dann kann ein psychopatischer Killer sie in dem gleichen Geschäft kaufen um morgen pünktlich um sieben Uhr in der Chefetage einer Waffenexportfirma Amok zu laufen, wobei er das gesamte Führungsgremium der Firma ausschaltet. Sie dagegen bringen höchstens nur lächerliche drei Menschen um. Sie zerstören zwar eine junge Liebe und sich selbst, aber es rentiert sich nicht!“, erklärte er bereitwillig.
Herr Schmidt stockte, die junge Dame unterdrückte ihr Kichern und auch Herr Iaschwilli begriff...
„Verdammt schon wieder eine gute Tat“, fluchte der Rabe. Herr Schmidt wurde rot: „Schließlich war ich früher auch mal ein Engel...“
„Ich verstehe, es ist so schwer und dann kommen Sie auch noch aus Kaukasien, ich weiß es geht um ihre Ehre, aber Herr Iaschwilli wir leben nicht mehr im Mittelalter und Sie sind doch ein moderner... emanzipierter Herr und kein Dschigit, geben sie sich einen Ruck.“, lenkte die junge Dame die Unterhaltung wieder auf das Wesentliche.
„Ich weiß es doch selbst, dass es nichts bringt, aber ich liebe sie doch. Ich hätte nicht dem Beispiel meines Bruders folgen sollen, der auch mit siebzig zum zweiten Mal heiratete. Ich... Idiot! Wir haben uns doch so geliebt. Aber ich kann sie verstehen, nach zehn Jahren Ehe. Ich bin zwar immer noch rüstig und aktiv, aber meine Manneskraft, die lässt trotzdem nach. Na ja, mit achtzig ist es ja auch kein Wunder. Ich weiß sie liebt diesen Burschen und ich mag ihn auch, er ist mir wie ein Sohn. Es war so dumm von mir“, schluchzte Herr Iaschwilli „Ich gebe dem jungen Paar den Segen. Ich weiß er ist gerade bei ihr. Ich gehe nach Hause spreche mit ihnen und kläre alles bei einer oder anderen Tasse grusinischen Tee mit Marzipangebäck, denn sie so liebt... Und die Waffe bring ich auch zurück“
„Recht so“, bestätigte Herr Schmidt, „Fein, fein.“
„Aber das mit dem grusinischen Tee wird leider nicht gehen, das junge Liebespaar war durstig nach dem... Liebespiel und da haben sie ihren grusinischen Tee getrunken. Es ist leider nichts mehr da.“
„Nicht so schlimm“, erwiderte unser Opa, „Möchten Sie vielleicht etwas Marzipangebäck, es schmeckt köstlich!“
„Danke sehr!“, erwiderten Herr Schmidt und die junge Dame.

Und so saßen sie gemütlich auf der Bank, sprachen über Gott, wobei Herr Schmidt ein paar peinliche Geheimnisse über diesen verriet, und die Welt. Herr Schmidt fütterte Beelzebub mit Marzipangebäck. Die junge Dame, die sich Margarita nannte, erzählte einiges aus dem Liebesleben der Engel, sie besuchte Herrn Iaschwilli bis zu seinem Ableben mit 120 Jahren regelmäßig, sehr regelmäßig, aber ich schweife schon wieder ab.
Herr Iaschwilli überlegte, ob er den beiden den Sinn des Lebens verraten sollte, hat es dann aber doch gelassen.

Das war eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt...
oder etwa doch?
baRbuZ ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 16:20   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #2
baRbuZ männlich
Buchbinder/in
 
Registriert seit: 14.03.2008
Ort: Leipzig
Beiträge: 114
meinungen? kritik?? verriss???
baRbuZ ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 16:29   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #3
Gast508
Gast
 
Beiträge: n/a
sehr schöne idee...auch nett, wie du den faust verwurstet hast...allerdings war mir herr iaschwilli etwas zu schnell umgestimmt, wo er doch eigentlich schon zum mord bereit war. ganz witzig fand ich den einfall mit dem amokläufer.
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Alt 21.03.2008, 16:58   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #4
baRbuZ männlich
Buchbinder/in
 
Registriert seit: 14.03.2008
Ort: Leipzig
Beiträge: 114
er (herr iaschwilli) wurde ja auch vom teufel und einem engel umgestimmt, sie haben übernatürliche kräfte

und das mit dem faust-spruch...das ist das zitat mit welchem auch "meister und margarita" anfängt/eingeleitet wird und ich finde auch ein sehr schönes,musste ich unbedingt verwenden...
baRbuZ ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 17:14   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #5
Ally weiblich
Super-Moderator/in
 
Benutzerbild von Ally
 
Registriert seit: 07.05.2007
Ort: Regensburg
Beiträge: 4.544
Gar nicht übel. Belzebub find ich sehr gelungen

"Der Meister und Margarita" hab ich auch hier auf meinem SuB liegen, dann werd ich das wohl demnächst mal in Angriff nehmen.
Ally ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 17:15   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #6
Gast508
Gast
 
Beiträge: n/a
schön, wie sich das gute und das böse hier einig sind...
  Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 17:18   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #7
baRbuZ männlich
Buchbinder/in
 
Registriert seit: 14.03.2008
Ort: Leipzig
Beiträge: 114
Zitat:
Zitat von Ally Beitrag anzeigen
Gar nicht übel. Belzebub find ich sehr gelungen

"Der Meister und Margarita" hab ich auch hier auf meinem SuB liegen, dann werd ich das wohl demnächst mal in Angriff nehmen.

kann ich nur empfehlen ein schönes buch, ich will das buch mal auf russisch lesen...!!! bulgakow hat nicht umsonst literaturnobelpreis erhalten (muste ihn aber zurückgeben - war nicht bei der kommunistischen partei beliebt )
baRbuZ ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 17:58   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #8
Pfanzelt männlich
Bücherwurm
 
Benutzerbild von Pfanzelt
 
Registriert seit: 07.01.2008
Beiträge: 641
Geht doch.
Pfanzelt ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.03.2008, 22:18   Eine Geschichte in der kein grusinischen Tee trinkender Mann vorkommt Beitrag #9
baRbuZ männlich
Buchbinder/in
 
Registriert seit: 14.03.2008
Ort: Leipzig
Beiträge: 114
es ging schon immer
baRbuZ ist offline   Mit Zitat antworten
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