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Olga Kharitidi - Das Land der weißen Seele
S. 113
„Er bedankte sich und bat mich dann, mir das Bild anzusehen. „Ich möchte, dass Sie das Bild aus der Zeit vor ihrer Krankheit sehen“, erklärte er. Vielleicht hilft es, wenn ich Ihnen von meiner Ehe mit dieser Frau erzähle, die ich mehr als alles andere in meinem Leben liebe.“
Ich nahm das Bild entgegen, während er schnell weiter sprach. Er redete ohne Pause, in einem langen, scheinbar nie endenden Atemzug. Er erzählte mir von Dingen, über die er vermutlich noch nie gesprochen hatte und die ihm bis dahin vielleicht nicht einmal selbst ganz klar waren. Er redete immer weiter, aus jener extremen emotionalen Verfassung heraus, in der Selbstreflexion und Stolz, die sonst so hemmend wirken, vollkommen vergessen sind. Es war, als wäre er von einer Strömung ergriffen, die Menschen nur wenige Male im Leben mit sich reißt.“
„Wir fuhren um eine Kurve, und plötzlich gab die Landstraße den Blick auf das Panorama des Altaigebirges frei. Die Kette dieser uralten Berge, deren abgerundete Gipfel von Sonnenschein erhellt wurden, bildete herrliche Muster aus Licht und Schatten. Die sanfte Schönheit, die so anmutig in den zerklüfteten Bergen zutage trat, war etwas, das ich noch nie gesehen hatte, und sie verschlug mir buchstäblich den Atem.“
„Sanddorn ist in Sibirien weit verbreitet, und um diese Frucht sind viele Legenden entstanden, die ich als Kind unzählige Male gehört hatte. Man verwendete Sanddornbeeren für alles, von der Behandlung eines kleinen Schnittes in der Kinderhand bis zur Wunderkur gegen Krebs, und sie enthalten Unmengen an Vitaminen. Ich liebte sie vor allem wegen ihrer einzigartigen Farbe, einem leuchtenden Orange. Jeden Herbst fuhr unsere Familie in unser Landhaus, um diese Beeren zu pflücken.
Wir mussten beim Pflücken vorsichtig sein, damit wir die dünne, zarte Schale nicht beschädigten, die unter unseren Fingern so leicht aufplatzte und den säuerlichen, klebrigen orangefarbenen Saft absonderte. Die Beeren sind nicht leicht zu pflücken, denn die Sanddornsträucher sind voller Dornen. Nach der Ernte waren meine Finger immer mit Blutflecken übersäht, und die abgebrochenen Spitzen der Dornen steckten tief in der Haut. Die Übung, Sanddornbeeren zu pflücken, ohne anschließend weder Dornen in den Fingern noch übermäßig klebrige orangefarbene Hände zu haben, wird mir immer im Gedächtnis bleiben.
Mir wurde bewusst, dass meine neuen Bekannten miteinander geredet, gescherzt und weitergeredet hatten, während ich meinen Tagträumen nachhing, und ich zwang mich, wieder in die Gegenwart zurückzukehren.“
Olga Kharitidi
„Das weiße Land der Seele“
aus dem Amerikanischen von Sabine Schulte
Roman
BLT – Imprit der Verlagsgruppe Lübbe
ISBN 3-404-92004-X
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