Brigitte Reimann – Franziska Linkerhand
Verlag Neues Leben, Berlin 1974
6. Auflage, 1980
Die Autorin
Es gibt nicht mehr viel zu sagen über die Autorin Brigitte Reimann, nicht wenn man ihre Tagebücher und Briefe gelesen hat, nicht wenn man weiß, dass sie 1933 geboren wurde, 1973 starb und den Großteil ihres Lebens in der DDR verbracht hat, nicht wenn ungefähr klar ist, wie sie gelebt hat, wer ihre Freunde, ihre Partner waren. Über all das wurde schon viel geschrieben.
„Ihre Lebenskerze war an beiden Enden angezündet“, so wird gesagt, so wird geschrieben, kürzer kann man es wohl nicht ausdrücken.
Und es gibt doch so viel zu sagen über diese Autorin.
Das Buch –
erzählt von Franziska Linkerhand, einer offenbar durchaus talentierten jungen Frau, die nach dem Architektur-Studium in Neustadt angekommen ist („Das Buch – erzählt von...“ ist übrigens der Versuch einer kleinen Doppeldeutigkeit... Es stimmt sowohl – als auch).
Ansammlung von Wohnbauten, die gibt es in diesen Jahren, aber ja, in Ost so gut wie in West. Aus dem Boden gestampft, um so schnell wie möglich Raum zu schaffen für die Vielen, die dort arbeiten und wohnen wollen. Die Projektanten dieser Tristesse allerdings, die leben, wie kann es anders sein, außerhalb.
Es fehlt ein Stadtzentrum, es fehlt Kultur, eigentlich fehlt es an allem, was eine Stadt liebenswert, was sie erst zur Stadt macht. Franziska hat Ideale, Ehrgeiz, Elan – aber Stück für Stück holt die Wirklichkeit sie ein. Oder auch die sozialistische Realität. Und sie lernt die Menschen kennen, die hier wohnen. Menschen und deren, von ihrer eigenen manchmal sehr verschiedenen, Lebenswelt.
Franziska ist in einem bourgeoisen Elternhaus aufgewachsen – ihr Leben ist Auflehnung und (zuweilen auch unbeschwerte) Rebellion gegen diese Lebensweise. Dennoch muss sie erkennen, dass sie nicht aus ihrer Haut kann. Sie krankt an den Möglichkeiten, die sie nicht hat, und stößt überall an Grenzen.
Das Buch kommt daher als langer Abschiedsbrief an den Mann, den Franziska liebt, und es wechselt permanent Perspektive, Zeit und Erzählform. Es springt hin und her zwischen Erinnerungen und Gegenwärtigem, Erklärungen und Gedachtem, Erleben und Gefühl. Es lotet Menschen und Lebensumstände aus bis auf den Grund. Gleiches gilt wohl für die Autorin: offensichtlich lotet auch sie sich hier aus. Bis auf den Grund.
Das Buch ist nicht vollendet – Brigitte Reimann starb, bevor sie es überarbeiten und fertigstellen konnte. Aber mal ganz ehrlich: was ist schon Vollendung...
Meine Meinung
ganz offen: hätte ich das Ding nicht mit achtzehn in die Finger bekommen und förmlich verschlungen, hätte ich damals nicht einen ganz großen Teil persönlicher Empfindungen, Hoffnungen und Enttäuschungen darin gefunden – ich hätte es vermutlich nie gelesen. Es liest sich nicht leicht, nur selten vergnüglich und nicht mal eben nebenbei. Brigitte Reimann hat fast zehn Jahre daran geschrieben – das ist zu merken. Franziska verändert sich.
Sollte ich je in die Verlegenheit kommen, meine Lieblingsbücher aufzählen zu müssen – Franziska Linkerhand wäre mit ganz oben auf der Liste.
Was mich interessiert
ist ganz besonders dies: liest das heute noch jemand? Liest es jemand zum ersten Mal? Liest es jemand durch? Und wenn ja: wie wirkt es heute auf die Leserin, auf den Leser?
Auf Antwort aus (wenn auch nicht besonders hoffnungsvoll...

)
Alice