Unterwegs verloren
Ruth Klüger
Paul Zsolny verlag, Wien
19,90 Euro
Mit "unterwegs verloren" legt Ruth Klüger die Vorsetzung ihrer Biographie "weiter leben" fort. Allen Interessierten würde ich raten, "Weiter leben" zuerst zu lesen, denn dort beschreibt die Autorin ihre Kindheit und Jugend. Ruth Klüger stammt aus einer jüdischen Familie in Wien. Bereits als Kind ist sie ins Lager Theresienstadt gekommen, von dort aus weiter nach Groß-Rosen und Ausschwitz. Sie gehört zu den ganz wenigen Kindern, die die Lager überlebt haben. Neben ihr überlebt noch ihre Mutter, während ihr Vater und der ältere Bruder ermordet werden. Gemeinsam mit ihrer Muter wandert sie in die USA aus. Dort beginnt "unterwegs verloren".
Ganz am Anfang beschreibt Ruth Klüger, wie sie sich als alte Frau ihre Häftlingsnummer aus Auschwitz vom Unterarm entfernen lässt. An dieser Episode macht sie deutlich, wie die Erinnerung an die Verfolgung ihr ganzes Leben überschattet. Auch die Schuldgefühle gegenüber ihrem Bruder, das sie überlebt hat, und er nicht, verfolgen sie bis ins späte Alter.
Ruth Klüger beschreibt die schwierige Beziehung mit ihrer Mutter, ihre lieblose Ehe, die früh geschieden wird, und das Verhältnis zu ihren beiden Söhnen. Obwohl Wut und Verletzung in diesen Erzählungen noch deutlich zu spüren sind, ist Klüger dabei selbstkritisch und refelktiert. Die Beziehung zu ihrem Mann ist vor allem an den starren Geschlechterrollen gescheitert, denen sie zu entkommen versuchte. Auch ihre Universitätskarriere - Ruth Klüge gehört zu den namhaftesten Germanistinen in den USA - wird immer wieder durch die mänlichen Strukturen an der Universität gehemmt. Besonders auf die Zeit in Princeton schaut sie mit Bitterkeit zurück.
Sehr interessant ist auch ihre langsame Annäherung an Deutschland, indem sie sich zuerst lange nur mit der Literatur beschäftigt, und erst spät nach Deutschland kommt. Göttingen wird für sie zu so etwas, wie eine zweite Heimat. Ausfühlich schreibt sie auch über die Freundschaft mit Martin Walser und dem Bruch nach der Veröffentlichung von "Tod eines Kritikers".
Die Sprache ist schlicht, aber poetisch, so streut die Autorin immer wieder alte Gedichte ein, um ihre Gefühlssituation während einer bestimmten Zeit zu beschreiben.
Ein sehr lesenswertes, "kleines" Buch.
9/10 Punkte!