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Alt 15.03.2008, 14:04   unterwegs nach deutschland part.I Beitrag #1
baRbuZ männlich
Buchbinder/in
 
Registriert seit: 14.03.2008
Ort: Leipzig
Beiträge: 114
unterwegs nach deutschland part.I

Unterwegs nach Deutschland - Rede an ein Land, in dem ich leben will


ein essayversuch


1.Ankunft in mehreren Etappen

Damals vor beinahe 11 Jahren war der Wunsch nach Deutschland zukommen ein Tagtraum, der das Leben erleichterte. Ich stellte mir vor, wie unser Leben in Deutschland aussehen mögen würde. Meine Eltern hatten in diesen Träumen Arbeit, wir verdienten soviel Geld, dass wir ein eigenes Haus besaßen, wir sprachen alle fehlerfrei Deutsch, welches wir Kinder natürlich schneller lernten als unsere Eltern, denn ich wußte schon damals, dass je älter man wird, desto schwieriger ist es eine neue Sprache zu erlernen.
Ich stellte mir vor, wie das so ist, sich jeden Tag Marmelade auf das Brot schmieren zu können, denn durch eine russische Sendung über Deutschland wußte ich, dass es dort das Normalste der Welt ist sich zum Frühstück so zu ernähren. Und dass es auf der Insel Rügen üblich ist, den Hering in einer Sahnesauce zu vertilgen. Über Deutschland kannte ich genügend Fakten z.B.: dass die Regierung in Bonn und Berlin ansässig war, dass Bayern München die beste Fußballmannschaft ist, dass dort viele Dialekte gesprochen werden und während der Karnevalszeit man mit Bonbons beworfen wird. Ich konnte damals etwa 50 Wörter auf Deutsch, denn in der Schule wurde nur Englisch und Chakassisch, eine aussterbende, zur Turksprachfamilie gehörende Sprache einer Minderheit unterrichtet. Ich war schon immer gut im Erlernen der Sprachen, es fiel mir leicht und machte mir Spaß. Mein erster deutscher Satz war: „Ich bin hungrig“ und wurde mir von meiner Chakassisch-Lehrerin beigebracht. Zu Hause angekommen testete ich mein neu erworbenes Wissen an meiner Mutter, sie, eine Wolgadeutsche, müsste mich ja verstehen, meinte meine Lehrerin. Ich wurde korrigiert, denn laut meiner Mutter war es falsch - von meiner Oma kannte sie nur: „Ich habe Hunger“
Doch diese Geschichte bringt mich vom eigentlichen Thema ab und sollte nicht in die Richtung abzielen, wir hätten nichts zu essen gehabt und sind deshalb ausgewandert. Nein, im Gegenteil, alles was wir zu essen hatten, war durch die mühevolle Arbeit entstanden. Wir hatten selbst gezüchtete Tomaten, Gurken, Zucchini, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln. Die Milch kam von der Kuh, das Fleisch von den Schweinen, Gänsen und Enten. Das Frühstücksei von eigenen Hühnern.
Doch warum verließen dann meine Eltern unsere Heimat??? Wegen dem Geld, weil sie es satt hatten, dass die Inflation die Ersparnisse auffraß, wie eine Heuschreckenplage, dass das hart verdiente Geld mehrere Monate nicht ausgezahlt wurde, dass wir in einer Umgebung aufwuchsen, die sich langsam von einer Dorfidylle in einen Alptraum verwandelte. Alkoholismus, Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit. Es gibt viele Gründe warum man seine Heimat verlässt, doch einer der wichtigsten bleibt und ist – die Zukunft der eigenen Kinder.
Und jetzt entferne ich mich von den fast kindlich-naiven Vorstellungen eines gerade pubertierenden Jugendlichen und befinde mich in einem Reisebus, der den Flughafen der Stadt Nowosibirsk ansteuert, es ist der 14. Februar 1997 und ich, meine Eltern, mein großer Bruder Juri und mein kleiner Bruder Andrej sitzen in diesem klapprigen Gefährt. Im Radio läuft das Valentinsprogramm und Verliebte und Liebende beglückwünschen sich.
Wir haben 20 Kilogramm Gepäck pro Familienmitglied und unseren kargen Wortschatz, als wir in das Flugzeug nach Hannover einsteigen und Russland verlassen.
In Hannover betrat ich zum ersten Mal den deutschen Boden. Es war Valentinstag und ich verliebte mich sofort in dieses Land. Nein, ich scherze nur. Ich war überwältigt von neuen Geräuschen, Gerüchen und der Tatsache, dass es draußen warm war. Die Fahrt mit dem Bus in das Aufnahmelager für Aussiedler war wie ein Flug in einem Raumschiff durch eine fremde Galaxie. Mein Gehirn war nicht in der Lage alles auf einmal zu verarbeiten. Das Straßenschild mit der Aufschrift „Ausfahrt“ übersetzte ich mit „Rechts“, weil es eben in diese Richtung zeigte, und das obwohl ich schon in Russland gelernt hatte „Rechts“ ist „Rechts“. Doch zu diesem besonderen rechtslastigen Thema komme ich noch.
Mit dieser Busfahrt begann die Odyssee unserer Familie durch Deutschland. Nach dem Aufenthalt und der Zuweisung zum Land Brandenburg ging es in das nächste Aufnahmelager nach Peitz. Dort besuchte ich meine erste deutsche Schule. Und von dort ging es nur wenige Kilometer weiter nach Cottbus. Hier lebe ich schon mein ganzes „deutsches“ Leben. Meine Freunde sind hier, hier lernte ich schreiben, womit ich seitdem auch nicht mehr aufzuhören vermag, hier spiele ich Theater und American Football, hier fing ich an zu studieren. Hier lebe ich und fühle mich wie zu Hause. Wenn ich von einer der zahlreichen Reisen aus dem Zug steige und den Cottbuser Hauptbahnhof betrete. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“

2. Über das Angekommen-Sein

Ich benutzte dieses Zitat von Goethe nicht, um zu punkten oder mein literarisches Wissen zu präsentieren, geschweige denn zu zeigen, „wie gut ich Deutsch kann und das nach nur 11 Jahren“. Doch dieses Zitat entspricht meinen Gefühlen: Hier habe ich es zu etwas gebracht, ich mag diese Stadt und auch die Menschen, die hier Leben. Aber wie das bei der Liebe so ist, wird sie oft nicht vollständig erwidert oder gar nicht; manchmal will ich hier einfach nur weg, wie so viele andere Jugendliche, die mangels Perspektiven von hier flüchten. Aber so vieles hält mich hier fest, die Freunde, meine Theatergruppe, die Schönheit der Stadt und der Glaube daran, dass bessere Zeiten kommen mögen.
Mein erster literarischer Text war die Schilderung unserer Auswanderung nach Deutschland; ich war im Deutschleistungskurs und meine Lehrerin hatte leichte Bedenken, ob ich die Aufgabe ein Erlebnis zu schildern auch wirklich packe. Ich hatte nämlich Anlaufschwierigkeiten, was die Deutsche Sprache betraf. Ich verstand beinahe alles, doch sträubte mich zu sprechen. Ich hatte Angst etwas Falsches zu sagen und ausgelacht zu werden. Meine Hemmungen waren so groß, dass ich 2 Jahre lang in ein Mädchen aus meiner Klasse verliebt war und schwieg. Doch auf einem Blatt Papier, da sprudelten die Worte aus mir heraus. So fand ich einen Weg nicht zu sprechen, aber mich den anderen mitzuteilen. Mein Aufsatz „Ankunft in Deutschland“ war der beste Aufsatz und rührte meine Lehrerin zur Tränen während sie ihn der Klasse vorlas.
Ich fing an zu schreiben. Über Liebe, über Identitätsprobleme, angeregt durch meine rechts denkenden, rechts mitlaufenden Klassenkameraden. Für sie war ich „der Russe“, ich fühlte mich aber „deutsch“. Ich führte Zwiegespräche im Geiste und verteidigte mich, argumentierte mit den „ausschließlich deutschen Vorfahren“ meiner Mutter. Doch nie kam es zu Handgreiflichkeiten oder Beschimpfungen. Die Jungs lernten mich kennen und fragten mich bei Klassenfahrten, dass wenn wir uns das Zimmer teilten sie IHRE Musik spielen durften. Man akzeptierte mich, ich war der Klassenbeste und viele schrieben von mir ab. Nichtsdestotrotz schwieg ich und traute mich kaum Deutsch zu sprechen.
Mein Aufsatz endete mit den Zeilen: „Und dann hörte ich: „Du bist einer von uns“ Diese Worte sind ganz wichtig für mich. Da wußte ich, dass ich in Deutschland angekommen bin.“
Ich war eigentlich der Meinung, dass ich nach 10 Jahren, die ich letztes Jahr mit mir selbst feierte, endlich angekommen bin. Doch nur eine kleine Bemerkung strafte mich Lügen. Nach einer Lesung für ausländische Studenten, bei der ich meinen neuen Text mit dem Titel „Der kleine Deutschlandratgeber“ vorlas, meinte ich allen Ernstes, dass ich nun nach 10 Jahren wirklich das Gefühl habe in Deutschland angekommen zu sein. Ich meinte, dass ich in einem Land lebe, welches zu meiner neuen Heimat geworden ist und dass im märkischen Sand man leicht Wurzeln schlägt. Anschließend wurden kleine Präsente an ausländische Studenten der BTU Cottbus „verteilt“. Auch ich bekam einen Gutschein überreicht mit den Worten: „WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND!!!“
Ich musste zwangsläufig schmunzeln und fragte mich selbst, ob man mir nicht richtig zugehört hatte, oder ob es nur ein „Scherz“ war. Dieses Erlebnis geht mir seit dem nicht mehr aus dem Kopf. Ich überdenke seither meine Beziehung zu Deutschland; ich war schon immer gegen Begriffe wie „NATION“, „HEIMAT“, „PATRIOTISMUS“. Schließlich gab ich die Idendentitätssuche auf; ich bin weder ein Russe noch ein Deutscher. Ich bin vor allem ein Mensch und in der Tradition vieler Schriftsteller und Humanisten, wie Jewtuschenko, Brecht, Kant, Montesquieu, usw. fühle ich mich als WELTBÜRGER.
Anscheinend bin ich doch noch nicht in Deutschland angekommen und befinde mich immer noch auf der Reise.

Fortsetzung: Unterwegs nach Deutschland part II.

Geändert von baRbuZ (24.03.2008 um 07:19 Uhr)
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